Zum Tod von Dieter Mennekes

06.05.2020  Wir trauen um unser engagiertes Mitglied Dieter Mennekes. "Er war mir ein persönlicher Freund und unserem Verband ein großer Gönner", so Vorstandsvorsitzender Siegfried Ermer zu seinem plötzlichen Tod. Wir werden ihm in Dankbarkeit ein gebührendes Andenken bewahren.

Mit seiner 1999 gegründeten Dieter-Mennekes-Umweltstiftung förderte Dieter Mennekes unter anderem sowohl tat- als auch finanzkräftig den Nichtraucherschutz: seien es Forschungsprojekte, Aktionen oder Volksbegehren wie das bayerische „für einen echten Nichtraucherschutz". Damit trug er entscheidend zum Erfolg des Volksentscheids im Jahr 2010 bei. Auch im Vorfeld der nordrhein-westfälischen Gesetzesänderung von 2013 für einen strikten Nichtraucherschutz war Dieter Mennekes aus dem Sauerland unterstützend tätig.

Der Unternehmer und Umweltaktivist Dieter Mennekes hat viel bewegt und hinterlässt große Spuren, die von seiner Stiftung hoffentlich weiterverfolgt werden können.

Der Vorstand Pro Rauchfrei

Zweifelhafte Studie wirbt für Nikotin als Schutz vor CoVid-19

28.04.2020  „Business as usual" muss man leider die Reaktion der medialen Öffentlichkeit auf eine Studie zur Korrelation zwischen Nikotinkonsum und CoVid-19-Risiko nennen. Denn immer, wenn Forschungsergebnisse im Zusammenhang mit Tabak oder Nikotin öffentlich gemacht werden, entfalten diese größtmögliche Pressewirkung. Auch in diesem Fall. Und die Raucher können sich wieder einmal sagen: „Rauchen kann sogar gesund sein. Also bloß nicht aufhören!“ Der mediale Hype kann allerdings viele zusätzliche Leben kosten. Skelett

Solche Vorab-Schlussfolgerungen stehen aber auf tönernen Füßen – wer sie hinterfragt, stößt auf gravierende methodische Lücken und Ungereimtheiten. Diese wiederum werden in der Presse nicht thematisiert. Denn das würde doch die schönen Nikotin-Schlagzeilen kaputtmachen.

Zurück zur Infektion mit dem Coronavirus. Vereinzelte Studien in mehreren Ländern behaupten einen Zusammenhang zwischen Nikotinaufnahme und einem Schutz vor CoVid-19. Auch wenn es diesen Zusammenhang geben sollte, muss er nicht zwingend kausal sein. Zum Beispiel gibt es eine Korrelation zwischen Erstaufführungen deutscher Spielfilme und der Erntemenge von Endiviensalat auf dem Freiland[i]. Aber wer würde wohl das eine für die Ursache des anderen halten?

 Einige der oben genannten Studien scheinen grobe methodische Schnitzer zu enthalten, z.B. die Patienten nicht nach Geschlecht und Alter zu unterscheiden, aber die hohe Gesamt-Raucherprävalenz als Maßstab für den Vergleich zu nehmen. Oder Patienten, die weniger als 30 Packungen Zigaretten pro Jahr konsumierten, einfach als Nichtraucher einzustufen. Oder die Patienten mit den schwersten Verläufen, die in intensivmedizinischer Behandlung, gar nicht zu ihren Rauchgewohnheiten befragt zu haben[ii].

Diese und andere Ungereimtheiten sollten in einer französischen Studie ausgebügelt werden. Angeregt wurde sie vom Neurobiologen Jean-Pierre Changeux, dessen Studien früher von der Tabakindustrie mitfinanziert wurden[iii]. Auch hier ergab sich bei 482 Patienten des Pariser Krankenhauses La Pitié-Salpétrière ein Anteil an Rauchern, der deutlich unter dem in der Gesamtbevölkerung lag. Untersucht wurden Patienten mit leichten und schweren Verläufen von CoVid-19, die ambulant oder stationär behandelt wurden. Nun aber kommt der Aha-Effekt: Patienten auf Intensivstationen, also die schwersten Verläufe, wurden in der Studie nicht berücksichtigt. Ob es am fehlenden Willen oder fehlenden Möglichkeiten lag, wird nicht mitgeteilt. Diese eklatante Schwäche der Studie muss aber von Vornherein klar benannt werden, da sie die stolz herausposaunten Schlussfolgerungen stark einschränkt, eventuell sogar komplett widerlegt.

Die Vorabveröffentlichung[iv] geht lediglich in zwei kurzen Sätzen ganz am Ende auf diesen wichtigen, vielleicht entscheidenden Faktor ein. Ein mögliches Fazit könnte nämlich auch so aussehen: Unter Krankenhauspatienten mit leichten Verläufen eines bestimmten Krankenhauses sind (tägliche) Raucher unterrepräsentiert, während sie bei Patienten in intensivmedizinischer Behandlung stark überrepräsentiert sind.

Solche Details findet man jedoch kaum in Presseartikeln, in deutschen Medien so gut wie nicht. Da dürfen höchstens Lungenmediziner ihre Zweifel an dem behaupteten Schutz durch Nikotin bzw. Rauchen äußern, da nach ihrer Erfahrung die Schädigung von Atemwegen und Lunge durch Rauchen das CoVid-19-Risiko deutlich erhöht. Bisher finden wir nur in der Pharmazeutischen Zeitung Informationen zu den Mängeln der Studien. Nachtrag vom 29.04. Auch in der Deutschen Apotheker-Zeitung online ist nun ein kritischer Artikel erschienen, u.a. auch mit Links zu Studien, die Rauchen als erhöhtes CoVid-19-Risiko erkennen. 

Aber auch in Frankreich gingen die kritischen Stimmen unter: Die französische Regierung musste sogar die Ausgabe von Nikotinpflastern rationieren, um eine Knappheit durch Hamsterkäufe zu verhindern[v]. Desgleichen wird wohl die dringende Empfehlung, mit dem Rauchen aufzuhören, durch den Hype um vorläufige und fehleranfällige Ergebnisse konterkariert.  In der Corona-Krise sind die Menschen unsicher und angespannt, haben Zukunftsängste. Unter solchen Voraussetzungen tendieren Raucher dazu, noch mehr zu rauchen, sich noch weniger um Nichtraucherschutz-Regelungen und generell um Vorsichtsmaßnahmen, sie selbst und ihre Umgebung betreffend, zu kümmern. Gerade scheinen wieder verstärkt Brände innerhalb und außerhalb von Gebäuden durch Zigaretten verursacht zu werden (ablesbar an Pressemeldungen). Hygienischer Selbstschutz beim Rauchen draußen (Hand-Mund-Berührung) oder gar Umweltschutz durch richtiges Entsorgen der Kippen scheinen (weiterhin) eher vernachlässigt zu werden.

Vor diesem Hintergrund ist die unkritische Übernahme nicht gesicherter Erkenntnisse aus ersten Studien über die Rolle von Nikotin bei CoVid-19 unverantwortlich, auch, weil sie dazu führt, dass vorschnell „Nikotin“ und „Rauchen“ gleichgesetzt werden. Denn es ist für Raucher der bequemste Weg, sich einzureden, dass Rauchen nicht ihr Leben kostet, sondern ihr Leben schützt.  Bevor dazu von den Medien Hoffnungen geschürt werden, die sich wahrscheinlich nicht erfüllen werden (analog zum vermeintlichen Nutzen von Hydroxychloroquin gegen CoVid-19), sollte auf Sensationsmache verzichtet und auf gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse gewartet werden.

Rauchen tötet in Deutschland pro Jahr 20-mal so viele Menschen vorzeitig, wie bis jetzt am Coronavirus gestorben sind.

Mehr zum Thema CoVid-19 und Rauchen: Pro Rauchfrei fordert jetzt Anti-Tabak-Maßnahmen

Denn sie tun nicht, was sie wissen

Tabakkontrolle – ein unbekanntes Wort in der Agenda deutscher Regierungen

23.02.2020 - Herzlichen Glückwunsch, liebe Bundesregierung und Vorgängerinnen, Ihr habt es endlich geschafft! Euer unermüdlicher Einsatz für die freie Entfaltung der Tabaksucht hat sich gelohnt: Deutschland ist auf dem lang ersehnten letzten Platz in der Tabakkontrollskala (TCS) angekommen und wird seinen Platz sicherlich unangefochten in den nächsten Jahren halten können. 120.000 Tabaktote jedes Jahr sind die Folge.

Der europaweite Vergleich der Bemühungen der europäischen Länder (neu: plus Israel) um die Eindämmung des Tabakgebrauchs zeigt deutlich: Deutschland ist nach wie vor Nichtrauchers Schreckensland. „Wäre dies ein Test, für dessen Bestehen mindestens 50 Punkte nötig wären“, heißt es im aktuellen Bericht des TCS, „würden 14 Länder (…) durchfallen.“ Der allerschlechteste Kandidat mit 40 von 100 möglichen Punkten, schlechter noch als die Schweiz, die nicht einmal die WHO-Rahmenkonvention zur Tabakkontrolle ratifiziert hat, ist Deutschland.

Kein Wunder, denn hierzulande fehlt es nicht nur an einer erkennbaren und langfristigen Strategie sowie der Finanzierung, sondern schlicht an der Motivation. Letztlich sind Bemühungen für mehr Tabakkontrolle auf Bundesebene immer an den Regierungsparteien gescheitert, genauer gesagt: vorrangig an der Union, noch genauer gesagt: am Wirtschaftsflügel der Union. Diese Untergruppe einer einzigen Partei hat es über Jahre hinweg geschafft, den Einfluss der Tabakindustrie aufrechtzuerhalten und deren Argumente dabei kritiklos ins eigene Räsonnement zu übernehmen.

Besonders heuchlerisch ist das immer wiederkehrende Argument gegen mehr Nichtraucherschutz oder Werbeverbote: „Wir wollen keine Verbote… Verbote führen nicht zum Ziel… Wir setzen auf Aufklärung und Prävention.“ Denn mit präventiven Maßnahmen gegen den Tabakkonsum sieht es in Deutschland traurig aus. Als Bausteine eines wirksamen Maßnahmenpakets gelten

  1. Der Zigarettenpreis. Liegt im europäischen Vergleich in Deutschland zwar im oberen Drittel, aber die Preiserhöhungen für Zigaretten gehen seit 2015 ausschließlich auf die Kappe der Hersteller. Steuererhöhungen gab es nicht mehr seit fünf Jahren. Die von Finanzminister Scholz geplante stufenweise Anhebung, übrigens ein Wunschziel der Tabakindustrie, fällt bis auf Weiteres aus. Pfeifentabak (darunter der stark nachgefragte für Shishas und der für Tabakerhitzer) sind weiterhin steuerlich begünstigt.
  2. Rauchfreier Arbeitsplatz, rauchfreie öffentliche Orte: Durch eine Änderung von §5 Abs. 2 der Arbeitsstättenverordnung hätte die Bundesregierung mit einem Streich den Nichtraucherschutz an allen Arbeitsstätten sicherstellen können, inklusive Gastronomie, sodass die unterschiedlichen Regelungen in den Bundesländern damit beendet worden wären. Wir hatten 2014 Ex-Ministerin Nahles dringend um die Streichung gebeten – leider erfolglos. Die Chance wurde vertan.
  3. Informationskampagnen über die Schäden des Tabakkonsums: außer den schon recht angestaubten Materialien und der Be smart don’t start-Kampagne an Schulen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.(BzgA)  Fehlanzeige. 14 Milliarden Euro Tabaksteuereinnahmen stehen insgesamt 2,9 Millionen (!) Ausgaben für Tabakkontrolle gegenüber.
  4. Umfassende Werbe- und Promotionsverbote. Die Versuche, ein Werbeverbot durchzusetzen, gehen nun schon ins vierte Jahr. Die Union – wieder bestimmend – hat sich zu einem sog. Eckpunktepapier durchgerungen, das lange Übergangsfristen und zahlreiche Ausnahmen vorsieht, z.B. soll Werbung am Verkaufsort, auch außen, oder im Kino bei Filmen für Erwachsene weiterhin erlaubt bleiben. Sponsoring, für das seit Jahren immer mehr Gelder der Tabaklobby fließt, soll überhaupt nicht eingeschränkt werden, auf dass die Parteitage von CDU/CSU und SPD weiterhin mit Tabakgeld mitfinanziert werden können. Dieses Positionspapier schimmelt irgendwo vor sich hin – man hat schließlich derzeit andere Probleme.
  5. Gesundheitswarnungen: Deutschland hat die Mindestvorgaben der EU umgesetzt – mehr nicht. Das Verdecken der Warnbilder bei der Warenpräsentation in Regalen und in Automaten wurde von Gesetzgeberseite nicht wirksam verhindert. Man wartet lieber auf Erfolge aus Gerichtsverfahren, die zum Beispiel von Pro Rauchfrei auf eigenes Kostenrisiko betrieben werden.
  6. Entwöhnungsangebote: Weder existiert eine Leitlinien-Strategie noch ein bundesweites Netzwerk, das bundesweit niedrigschwellige Angebote bereitstellt. Von den sechs Verlinkungen zu geförderten Projekten auf der Website der Drogenbeauftragten funktionieren zwei nicht. Kostenerstattungen für die Teilnahme an Entwöhnungsmaßnahmen liegen im Ermessen der Krankenkassen.
  7. Kampf gegen Tabakschmuggel: Da es um direkte Einnahmen geht, ist Deutschland in diesem Bereich aktiv.
  8. Maßnahmen gegen Einflussnahme der Tabakindustrie: Da es um direkte Einnahmen geht, ist Deutschland in diesem Bereich inaktiv.

Fazit: Zwar berufen sich die Tabakfürsprecher unablässig auf Tabakprävention und Aufklärung, jedoch verhindern sie erstere (keine Steuererhöhung, keine Werbeverbote, keine Ausweitung rauchfreier Orte… ) und stellen für letztere kaum Mittel bereit. Damit betreiben sie die perfekte Verhinderungspolitik.

Die Aktivitäten zur Tabakkontrolle verschiedener institutioneller und gesellschaftlicher Gruppen einzeln aufzuführen, würde diesen Rahmen sprengen - u.a. streben einzelne Bundesländer ein Rauchverbot im Auto oder auf Spielplätzen an, Städte planen Tabakwerbeverbote oder rauchfreie Haltestellen, Abgeordnete und Landesminister wollen mehr rauchfreie öffentliche Orte erreichen, Verbände klagen Gesetzesbrüche ein, private Initiativen agieren gegen Vermüllung durch Zigarettenkippen, Oppositionsparteien bringen Gesetzesvorlagen ein, Petitionen werden eingereicht…

Vieles wäre hierzulande möglich und durch steigende Zustimmung in der Bevölkerung gedeckt, wie z.B. ein Rauchverbot in Fahrzeugen, das aber nicht einmal die Drogenbeauftragte der Bundesregierung unterstützt. Oder mehr Prävention, besserer Zugang zu Entwöhnung, weniger Werbung, weniger Abfall. Nichts davon wird umgesetzt, da der Wille dazu einfach nicht vorhanden ist. Die Tabaklobby behält auch 2020 über einen einflussreichen Kern in der Union die Fäden der Tabakpolitik in der Hand. Fortschrittliche Gesundheitsprävention kommt nicht aus Deutschland.

Link: Grafiken zur Tobacco Control Scale.

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.