Wie man mit Sympathieträgern Produkte mit schlechtem Image bewirbt

Kevin Kühnert raucht.

Kevin Kühnert raucht Pall Mall.
Na, und? Ist das nicht seine Sache?
Im Prinzip, ja – das Rauchen ist seine private Eintrittskarte zum Tod.
Tabakkumpel - zwei HändeEinige Zeitungen finden aber wohl, dass Kühnerts Zigarettenkonsum eine wertvolle Beigabe für Interviews und Berichte über ihn sind. Vielleicht wollen sie einen neuen Helmut Schmidt – einen frischen Werbeträger für das Rauchen und für eine Zigarettenmarke. Im Unterschied zum verstorbenen Ex-Kanzler raucht Kühnert allerdings nicht überall, sondern nur während seiner Rauchpausen.

Stellt sich also die Frage, ob ein Interview mit beispielsweise dem schleswig-holsteinischen Zeitungsverlag (SHZ), der zahlreiche Tageszeitungen betreibt, so nebensächlich ist, dass es in einer Raucherpause stattfinden muss. Wie am 8. November, als Kühnert „bei einer Zigarette“ auf dem Balkon des Willy-Brandt-Hauses interviewt wurde und in einigen Großaufnahmen den Rauch in die Kamera bläst. Der Interviewer raucht ebenfalls und das Interview endet mit der Feststellung aus dem Off: „Jetzt brauch ich aber auch noch eine.“ Der größere Teil des Interviews (etwa 20 Minuten) wurde übrigens ganz ohne Rauch in einem Innenraum geführt - es geht also auch anders. Trotzdem wurde das Rauch-Video vorab groß herausgebracht. Ob es auch die Schüler im SHZ-Projekt „Zeitung in der Schule“ zu sehen bekommen? Es würde ihnen suggerieren, dass Rauchen vielleicht doch nicht so uncool sein kann, wie es in einer der Aufklärungsstunden über Tabak wahrscheinlich geheißen hat.

Der Juso-Vorsitzende ist ja nicht irgendwer. Spätestens seine NoGroko-Kampagne, für die er durch Deutschland tourte, hat ihn bekannt gemacht. Gerade bei jungen Menschen kommt er gut an. Die amerikanische „Time“ bezeichnete ihn 2017 als einen der „next generation leaders“, übrigens ohne sein Rauchen in irgendeiner Weise zu thematisieren. Der „Spiegel“ sieht das in einer Bildunterschrift ähnlich: „Jungpolitiker Kühnert: Eine Coolness, die selbst erfahrene Profis neidisch werden lässt“. In deren Artikel bleibt seine Zigarettenmarke aber nicht unerwähnt.

Freie Fahrt für das Tabakwerbeverbot

17.10.2018  Bricht endlich der Widerstand der Union gegen ein Tabakwerbeverbot? Pro Rauchfrei wendet sich an den neuen Fraktionsvorsitzenden Ralph Brinkhaus.

Schon 2005 hätten in Deutschland nach dem WHO-Rahmenübereinkommen zur Eindämmung des Tabakgebrauchs (FCTC) weitreichende Tabakwerbeverbote in Kraft treten sollen; das Papier war unterzeichnet und vom Bundestag ratifiziert worden. Das hinderte allerdings den damaligen Verbraucherschutzminister Horst Seehofer nicht daran, für die Bundesrepublik vor den EUGH zu ziehen, um gegen das Tabakwerbeverbot zu klagen, ohne Erfolg.

Seitdem wiederholen Pro Rauchfrei und andere Organisationen aus dem Nichtraucherschutz- und Gesundheitsbereich immer wieder, dass ein umfassendes Verbot endlich kommen müsse, wie beispielsweise in unserem Artikel von 2006: Horst Seehofer – vom Saulus zum Paulus? Die Stimme der Vernunft kommt hierzulande leider nur sehr schwer an gegen den Einfluss der Tabaklobby, die sich mit Spenden und Sponsoring

Was lange währt, wird endlich gut: Rauchfreie Allianz Arena

4.8.2018  Die gute Nachricht für die Bundesliga-Saison 2018/19: Eins der größten Fußballstadien in Deutschland wird rauchfrei: die Allianz Arena.

Laut Mitteilung des FC Bayern vom 3. August gilt ab sofort Rauchverbot ab Blockzugang auf den Rängen, und zwar sowohl für sämtliche Tabakwaren inkl. Tabakerhitzer als auch für E-Zigaretten. Weiterhin geraucht werden kann in den ausgewiesenen Räumlichkeiten und auf den dafür vorgesehenen Flächen der Ebenen 4 und 5, auf der Esplanade und den 6 gute Gründe für ein Rauchverbot im StadionPromenaden.

Ein großer Erfolg für den Nichtraucherschutz und ein gutes Signal für andere Stadien in Deutschland, die nun befürchten müssen, nicht mehr modern genug zu sein, und in der Sicherheits- und Komfortausstattung in Konkurrenz zu München ins Hintertreffen geraten.

Darüber hinaus ein ganz persönlicher Erfolg für unser Vorstandsmitglied Rainer Nickel. Er hatte bereits in der Mitgliederversammlung des FC Bayern 2010 ein Rauchverbot angemahnt, damals noch eine sehr unpopuläre Forderung. Damit erreichte er, dass wenigstens in einem kleinen „Kids Block“ ein Rauchverbot eingeführt wurde – angesichts der umliegenden Raucherblöcke aber leider eine unzureichende Maßnahme.

Rainer gab nicht auf und thematisierte das angestrebte Rauchverbot im gesamten Stadion weiterhin, kräftig unterstützt und motiviert von unserem Mitglied Yvonne Neubauer, die sich als großer FC-Bayern-Fan schon lange ein rauchfreies Stadion wünschte und deswegen auch immer wieder den FC Bayern anschrieb. Als dann im April 2017 im Mitgliedermagazin das so genannte Präsidentengespräch veröffentlicht wurde, in dem FCB-Mitglied Herr Martin Rieb, selbst Jugendtrainer und Vater, Uli Hoeneß auf ein Rauchverbot ansprach und dieser eine Mitgliederbefragung in Aussicht stellte, war das der Startschuss für einen gemeinsamen neuen Vorstoß. Nach dem Redebeitrag von Rainer Nickel bei der FCB-Mitgliederversammlung letzten November (auf YouTube abrufbar) votierten die Teilnehmer in einer Abstimmung mehrheitlich dafür, dass Vereinsvorstand und Arena-Geschäftsführung das Thema in einer Sitzung behandeln. Nach acht Monaten Wartezeit wurde das Rauchverbot nun beschlossen.

Es hat seine Zeit und viel Beharrlichkeit gebraucht, doch nun setzt der erfolgreichste Verein der Fußball-Bundesliga auch in Sachen Gesundheitsschutz neue Maßstäbe.

Link zum Handzettel rauchfreie Stadien (oder aufs Bild klicken) und zur Seite rauchfreie Stadien mit Stadion-Tabelle zu bestehenden Rauchverboten.