TV-Realität in Deutschland: Rauchen ja, Corona nein

Kettenrauchende Hauptfigur in TV-Serienfolge
Hauptfigur in Laim und der letzte Schuldige raucht Kette

Ich sehe was, was Du nicht siehst

Das Fernsehen will uns Zuschauern realistische Alltagsmilieus bieten. Wie verhält es sich damit seit dem Covid-Jahr 2020? 

6.4.2021  Das ZDF zeigte am 29. März im Abendprogramm eine Folge der Krimireihe Nachtschicht. Das Besondere daran: Es wurde fast nicht geraucht (außer in einer kurzen Szene) UND: Das Maskentragen wurde thematisiert.

Beides ist ungewöhnlich, nicht nur im ZDF. Masken kommen in TV-Spielfilmen so gut wie nicht vor. Einschränkungen des Alltags kommen ebenfalls nicht vor, obwohl unser aller Leben in Friedenszeiten vermutlich noch nie von einer einzigen Ursache dermaßen verändert wurde und obwohl die Darstellung dieser veränderten Realität gerade im Film möglich wäre. Doch scheint Realität im (öffentlich-rechtlichen) Fernsehen speziell definiert zu werden. Keine Masken, kein Lockdown – dafür kettenrauchende (Haupt-)Figuren inklusive Entsorgung der Kippen auf der Straße. Ein Beispiel dafür ist die TV-Serienfolge Laim und der letzte Schuldige, ausgestrahlt auf 3Sat am 30.3.2021.

Wir von Pro Rauchfrei erinnern uns hierbei lebhaft an diverse Antworten, die wir selbst und unsere Mitglieder auf Beschwerden wegen penetranter Rauchszenen in Fernsehfilmen erhalten haben.  Zitat aus mehreren Antworten der ARD-Zuschauerredaktion:

Tabakkonsum wird in der Regel nur gezeigt, wenn er dramaturgisch begründet ist. Die für ihre realistischen Milieuschilderungen bekannten Fernsehfilme können daher Szenen enthalten, in denen geraucht wird. Diese sind jedoch so gestaltet, dass sie keinesfalls Kinder und Jugendliche zur Nachahmung anregen.

Ebenso finden Sie in fiktionalen Werken Szenen, in denen Drogen oder übermäßig Alkohol konsumiert wird, sich Menschen unsozial oder gar kriminell verhalten. All solche Szenen werden jedoch so gestaltet, dass sie keinesfalls Kinder und Jugendliche zur Nachahmung anregen. 

Rauchen gehört ja auch immer noch zum Alltag unserer Gesellschaft, auch wenn sich diesbezüglich in den letzten Jahren glücklicherweise eine positive, rückläufige Entwicklung feststellen lässt. Auch wenn wir also eine zurückhaltende Darstellung des Rauchens mit Blick auf die gesundheitliche Prävention redaktionell absolut befürworten, so ist uns doch auch daran gelegen, den deutschen Alltag realitätsnah abzubilden und die künstlerische Freiheit unserer Regisseure nicht zu stark einzuengen.

2019 hatte Pro Rauchfrei alle Rundfunkräte des ARD und Fernsehräte des ZDF angeschrieben und den Protest gegen zu viel Rauchen im Film mit Screenshots aus Produktionen des jeweiligen Senders belegt. Eine ZDF-Fernsehrätin antwortete wie folgt:

Dass grundsätzlich weiterhin rauchende Menschen gezeigt werden, hat sicherlich auch etwas damit zu tun, dass in den Produktionen im Bereich Fiktion die Lebenswirklichkeit abgebildet werden soll/wird. Dazu gehört auch die Darstellung von gesundheitsgefährdenden Handlungen.

Was haben Rauchen und Corona eigentlich gemeinsam?

  • Beides ist potenziell tödlich. Corona forderte im letzten Jahr eine fünfstellige Zahl von Leben, Rauchen eine sechsstellige.
  • Beides wirkt sich auf Personen in der Umgebung aus: Corona wegen Ansteckung, Rauchen wegen Passivrauchgefahr
  • Beides kostet das Gesundheitssystem Unsummen, auch dann, wenn die Betroffenen nicht daran sterben

Was unterscheidet Rauchen und Corona?

  • Für Corona wurde das Motto „Gesundheit kommt vor allem anderen“ ausgegeben, beim Rauchen hat man oft das Gefühl, es sei umgekehrt
  • Corona-Lobbyismus kann tatsächlich Ämter und Würden kosten, Tabaklobbyismus nicht
  • Gegen Corona wird letztlich Impfen helfen, gegen Rauchen nur Verzicht oder wenigstens Rücksichtnahme.

In TV-Produktionen der öffentlich-rechtlichen Sender spielt die Zigarette zu oft eine tragende Rolle. Die Versicherung, solche Szenen würden Kinder und Jugendliche nicht  zur Nachahmung anregen, ist absurd. Es kommt auch nicht darauf an, ob positiv oder negativ gezeichnete Handlungsfiguren rauchen. Wer das Rauchen in Szene setzt, betreibt eindeutig Werbung dafür. Wer vor dieser Tatsache seine Augen verschließt, will jedenfalls nichts dazu beitragen, über 100.000 Tabaktote pro Jahr zu verhindern.