Zweifelhafte Studie wirbt für Nikotin als Schutz vor CoVid-19

28.04.2020  „Business as usual" muss man leider die Reaktion der medialen Öffentlichkeit auf eine Studie zur Korrelation zwischen Nikotinkonsum und CoVid-19-Risiko nennen. Denn immer, wenn Forschungsergebnisse im Zusammenhang mit Tabak oder Nikotin öffentlich gemacht werden, entfalten diese größtmögliche Pressewirkung. Auch in diesem Fall. Und die Raucher können sich wieder einmal sagen: „Rauchen kann sogar gesund sein. Also bloß nicht aufhören!“ Der mediale Hype kann allerdings viele zusätzliche Leben kosten. Skelett

Solche Vorab-Schlussfolgerungen stehen aber auf tönernen Füßen – wer sie hinterfragt, stößt auf gravierende methodische Lücken und Ungereimtheiten. Diese wiederum werden in der Presse nicht thematisiert. Denn das würde doch die schönen Nikotin-Schlagzeilen kaputtmachen.

Zurück zur Infektion mit dem Coronavirus. Vereinzelte Studien in mehreren Ländern behaupten einen Zusammenhang zwischen Nikotinaufnahme und einem Schutz vor CoVid-19. Auch wenn es diesen Zusammenhang geben sollte, muss er nicht zwingend kausal sein. Zum Beispiel gibt es eine Korrelation zwischen Erstaufführungen deutscher Spielfilme und der Erntemenge von Endiviensalat auf dem Freiland[i]. Aber wer würde wohl das eine für die Ursache des anderen halten?

 Einige der oben genannten Studien scheinen grobe methodische Schnitzer zu enthalten, z.B. die Patienten nicht nach Geschlecht und Alter zu unterscheiden, aber die hohe Gesamt-Raucherprävalenz als Maßstab für den Vergleich zu nehmen. Oder Patienten, die weniger als 30 Packungen Zigaretten pro Jahr konsumierten, einfach als Nichtraucher einzustufen. Oder die Patienten mit den schwersten Verläufen, die in intensivmedizinischer Behandlung, gar nicht zu ihren Rauchgewohnheiten befragt zu haben[ii].

Diese und andere Ungereimtheiten sollten in einer französischen Studie ausgebügelt werden.

Angeregt wurde sie vom Neurobiologen Jean-Pierre Changeux, dessen Studien früher von der Tabakindustrie mitfinanziert wurden[iii]. Auch hier ergab sich bei 482 Patienten des Pariser Krankenhauses La Pitié-Salpétrière ein Anteil an Rauchern, der deutlich unter dem in der Gesamtbevölkerung lag. Untersucht wurden Patienten mit leichten und schweren Verläufen von CoVid-19, die ambulant oder stationär behandelt wurden. Nun aber kommt der Aha-Effekt: Patienten auf Intensivstationen, also die schwersten Verläufe, wurden in der Studie nicht berücksichtigt. Ob es am fehlenden Willen oder fehlenden Möglichkeiten lag, wird nicht mitgeteilt. Diese eklatante Schwäche der Studie muss aber von Vornherein klar benannt werden, da sie die stolz herausposaunten Schlussfolgerungen stark einschränkt, eventuell sogar komplett widerlegt.

Die Vorabveröffentlichung[iv] geht lediglich in zwei kurzen Sätzen ganz am Ende auf diesen wichtigen, vielleicht entscheidenden Faktor ein. Ein mögliches Fazit könnte nämlich auch so aussehen: Unter Krankenhauspatienten mit leichten Verläufen eines bestimmten Krankenhauses sind (tägliche) Raucher unterrepräsentiert, während sie bei Patienten in intensivmedizinischer Behandlung stark überrepräsentiert sind.

Solche Details findet man jedoch kaum in Presseartikeln, in deutschen Medien so gut wie nicht. Da dürfen höchstens Lungenmediziner ihre Zweifel an dem behaupteten Schutz durch Nikotin bzw. Rauchen äußern, da nach ihrer Erfahrung die Schädigung von Atemwegen und Lunge durch Rauchen das CoVid-19-Risiko deutlich erhöht. Bisher finden wir nur in der Pharmazeutischen Zeitung Informationen zu den Mängeln der Studien. Nachtrag vom 29.04. Auch in der Deutschen Apotheker-Zeitung online ist nun ein kritischer Artikel erschienen, u.a. auch mit Links zu Studien, die Rauchen als erhöhtes CoVid-19-Risiko erkennen. 

Aber auch in Frankreich gingen die kritischen Stimmen unter: Die französische Regierung musste sogar die Ausgabe von Nikotinpflastern rationieren, um eine Knappheit durch Hamsterkäufe zu verhindern[v]. Desgleichen wird wohl die dringende Empfehlung, mit dem Rauchen aufzuhören, durch den Hype um vorläufige und fehleranfällige Ergebnisse konterkariert.  In der Corona-Krise sind die Menschen unsicher und angespannt, haben Zukunftsängste. Unter solchen Voraussetzungen tendieren Raucher dazu, noch mehr zu rauchen, sich noch weniger um Nichtraucherschutz-Regelungen und generell um Vorsichtsmaßnahmen, sie selbst und ihre Umgebung betreffend, zu kümmern. Gerade scheinen wieder verstärkt Brände innerhalb und außerhalb von Gebäuden durch Zigaretten verursacht zu werden (ablesbar an Pressemeldungen). Hygienischer Selbstschutz beim Rauchen draußen (Hand-Mund-Berührung) oder gar Umweltschutz durch richtiges Entsorgen der Kippen scheinen (weiterhin) eher vernachlässigt zu werden.

Vor diesem Hintergrund ist die unkritische Übernahme nicht gesicherter Erkenntnisse aus ersten Studien über die Rolle von Nikotin bei CoVid-19 unverantwortlich, auch, weil sie dazu führt, dass vorschnell „Nikotin“ und „Rauchen“ gleichgesetzt werden. Denn es ist für Raucher der bequemste Weg, sich einzureden, dass Rauchen nicht ihr Leben kostet, sondern ihr Leben schützt.  Bevor dazu von den Medien Hoffnungen geschürt werden, die sich wahrscheinlich nicht erfüllen werden (analog zum vermeintlichen Nutzen von Hydroxychloroquin gegen CoVid-19), sollte auf Sensationsmache verzichtet und auf gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse gewartet werden.

Rauchen tötet in Deutschland pro Jahr 20-mal so viele Menschen vorzeitig, wie bis jetzt am Coronavirus gestorben sind.

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